Vorfreude auf den Flirt Evo
Produktion der neuen Flotte läuft nach Plan
Das grösste Beschaffungsprojekt in der Geschichte von Thurbo wird konkret/ greifbar. 2023 startete die Produktion der 2022 in Auftrag gegebenen Züge des Typs Flirt Evo, welche ab 2026 die aktuelle Flotte ersetzen. Im Herbst feierte das erste Fahrzeug seine «Hochzeit». Ein weiterer Höhepunkt war der Spatenstich für den Neubau der Instandhal-tungsanlage Weinfelden.
Die bestehende Flotte an Gelenktriebwagen (GTW) ist seit der Gründung von Thurbo im Jahr 2002 im Einsatz. Bis heute sind die Züge zeitgemäss, fahren zuverlässig und kom-men pünktlich an. Doch ab 2027 erreichen die ersten Fahr-zeuge ihr Lebensende, weshalb Thurbo im Verlauf von 2026 die ersten neuen Flirt Evo einführt und danach schrittweise die gesamte Flotte ersetzt. Somit werden mit einer neuen Fahrzeuggeneration die Weichen für die Zukunft gestellt. Bei den bestellten Triebfahrzeugen handelt es sich wie bisher um einstöckige, leichte Züge, die jedoch etwas grosszügiger dimensioniert und moderner ausgestattet sind. So wird Thurbo weiterhin einen energieeffizienten Betrieb si-cherstellen und die Ostschweiz mit einem qualitativ hoch-wertigen, wettbewerbsfähigen öV-Angebot verbinden.

Mutige Premiere
Das Beschaffungsprojekt ist nicht nur das grösste in der Geschichte von Thurbo, es ist auch ein ungewöhnliches. Der gemeinsame Beschaffungsauftrag von SBB sowie der beiden Tochterunternehmen Thurbo und RegionAlps ist eine Premiere und wurde am 25. Mai 2022 vertraglich besiegelt. Von den 286 Triebzügen, die Stadler produziert, gehen 155 an die SBB, 107 an Thurbo und 24 an RegionAlps. Das Beschaffungsvolumen beträgt rund 2 Milliarden Franken. Dabei profitieren die drei Transportunternehmen bei der Bestellung vom Skaleneffekt und nutzen Synergien im Aufbau der Beschaffungsorganisation sowie im Projektmanagement.
«In der Projektleitung nehmen wir das Beste der drei Kulturen mit.»
Auch sind alle drei Unternehmen in verschiedenen Entscheidungs- und Lenkungsgremien vertreten. Beispielsweise bringt Unternehmensleiterin Claudia Bossert im Lenkungsausschuss die strategischen Themen ein, welche für Thurbo relevant sind.

Xavier Perruisseau, Gesamtprojektleiter Flirt Evo SBB

Martin Hochreutener, Bereichsleiter Technik
«Wir sind bei diesem Projekt auf Partner angewiesen.»
Chancenreiche Kooperation
Auf der operativen Ebene beschäftigen sich bei Thurbo mehrere Abteilungen mit der Einführung der neuen Züge, wie Ausbildungsverantwortliche, Flotten- und Qualitätsmanagement oder die Kommunikation für die visuelle Erscheinung. Die Zukunft, wie sich das Fahrzeug dereinst im Betrieb bewähren muss, wird stets mitgedacht. Dafür braucht es viel internes Fachwissen: bei der Fahrzeugeinführung, beim Betrieb der Linien oder bei der Ausbildung der Lokführer:innen, die künftig die neuen Fahrzeuge fahren werden. Bei Vorgängen wie Baubegleitung oder Abnahmen hingegen kann Thurbo von den SBB Ressourcen profitieren.
Für Martin Hochreutener, der als Leiter Technik den Beschaf-fungsauftrag vonseiten Thurbo verantwortet, ist die Syner-gienutzung mit dem Mutter-Konzern wertvoll. «Als mittel-grosses Unternehmen sind wir bei diesem Projekt auf einen Partner angewiesen. Wir sind in der glücklichen Lage, dass SBB und RegionAlps auch Fahrzeuge brauchen und wir Ressourcen und Know-how nutzen können, die bei der SBB vorhanden sind oder aufgebaut wurden», erklärt er. Wäre das nicht der Fall, hätte Thurbo die eigene Unternehmens-struktur temporär massiv erweitern müssen. Auch Xavier Perruisseau, Gesamtprojektleiter Flirt Evo SBB, beurteilt das Miteinander positiv und schätzt die kollegiale Zusammenarbeit.
«Man spürt, alle haben das gleiche Ziel vor Augen und allen ist es sehr wichtig, dass das Projekt ein Erfolg wird.» Dass sich die Partner teilweise finden müssen, sieht er als Chance: «In der Projektleitung nehmen wir das Beste der drei Kulturen mit, zum Beispiel die schnellen Entscheidungswege der Tochtergesellschaften und die ausge-prägte Analysekompetenz der SBB.» Perruisseau wie auch Hochreutener freut, dass das Projekt auf Kurs ist.
Testintensive Produktionsphase
Das Beschaffungsprojekt durchläuft diverse Entwicklungs- und Know-how-Stufen. In der Vorbereitungsphase sind dies Studie und Vergabe, in der Realisierungsphase Schweissen und Lackieren sowie die Montage der Wagenkästen. Bis ins Frühjahr 2023 wurde noch viel auf Papier gearbeitet. Ab März wurde das Projekt – und das Produkt – sicht- und greifbar. Stadler beschaffte die erforderlichen Komponen-ten und startete in Bussnang mit der Fertigung der ersten Fahrzeuge.
Bevor eine Komponente in Serie in allen neuen Zügen ein-gebaut wird, gibt es eine Erstmusterprüfung, eine soge-nannte First Article Inspection (FAI). Geprüft werden bei-spielsweise technische Aspekte, Komfort und Haptik oder Farben und Aussehen bei den Sitzen. Dabei interessiert immer: Entspricht das Teil den Qualitätsvorstellungen derAuftraggeber? Und lässt es sich später gut warten? Manchmal fanden die Erstmusterprüfungen bei Stadler statt, aber auch bei Unterlieferanten im Ausland. In diesem Zusammenhang wurden zudem die Dokumentationen der Unterlieferanten eingehend geprüft.
Kundenbedürfnisse erkennen
Zentral für eine passende Inneneinrichtung der Züge sind Elemente in Schnittstellen mit den Kund:innen. Um insbe-sondere die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchti-gungen abzuholen, wurde Ende 2022 ein Holzmodell in Originalgrösse mit den relevanten Bereichen des Fahrgast-raums des Zuges gebaut. Seh- und Hörbehinderte sowie Martin Hochreutener Rollstuhlfahrer:innen konnten so den Platzbedarf oder bestimmte Konzepte testen. Ein Beispiel ist die WC-Kabine. Sie muss unter anderem behindertenkonform sein, aber auch angenehm und praktisch in der Nutzung. Visualisierungen erklären viel. Doch oft ist es schwer, sich etwas auf Papier vorzustellen und für Sehbehinderte beispielsweise gar unmöglich. In der Praxis zeigt sich, ob die Planung Hand und Fuss hat, ob Griffe, Tasten oder Abfalleimer richtig platziert sind.
Instandhaltungshalle Weinfelden wird modernisiert
Ein wichtiges Puzzlestück in der Betriebser-probung, welche den Beweis für die Praxis-tauglichkeit der neuen Flirt Evo erbringt, ist die Instandhaltungsanlage Weinfelden. In Zusammenarbeit mit der SBB modernisiert Thurbo die bestehende Infrastruktur aus den 1970er Jahren und investiert als Eigentüme-rin und Bauherrin rund 18,4 Millionen Fran-ken in einen Ersatz-Neubau. Thurbo erhielt die Baubewilligung im Oktober 2023. Die Bauarbeiten starteten mit einem symbolischen Spatenstich im November. Das Gebäude wird unter anderem verlängert und mit einer Photovoltaik-Anlage ausgerüstet. Ab Mitte 2025 wird voraussichtlich ein Grossteil der Fahrzeuge aus dem gemeinsamen Be-schaffungsauftrag in Weinfelden ertüchtigt, also für den Ersteinsatz fit gemacht. Darüber hinaus werden in der Instandhaltungsanlage die Thurbo Fahrzeuge regelmässig gewartet. Der Standort ist ein Bekenntnis zur Region und ein wahrer Glücksfall für das Ostschweizer Transportunternehmen: Die Halle liegt ideal im Betriebsgebiet von Thurbo.
Das Projekt in Kürze:
Hochzeit in Bussnang, Überführung nach Erlen
Mehrere Höhepunkte prägten das letzte Quartal des Geschäftsjahres 2023. In November feierte der erste Flirt Evo – das erste vierteilige SBB Fahrzeug – in der Produktionshalle von Stadler «Hochzeit». Was im Bahnjargon sehr romantisch klingt, ist vor allem hohe Ingenieurskunst. Die «Hochzeit» ist der Moment, wenn der Wagenkasten eines Zuges mit Drehgestellen vereint und die Montage abgeschlossen wird. Für die Projektverantwortlichen Xavier Perruisseau und Martin Hochreutener ist es ein wichtiger Zwischen-schritt in einem langen Prozess. «Bei den Testfahrten sehen wir, wie robust und stabil die Fahrzeuge sind und wie die Systeme miteinander funktionieren», sagt Perruisseau. Auch Hochreutener blickt bereits nach vorne: «Ein Highlight für mich wird sein, wenn der erste geschweisste Wagenkasten in den Thurbo Farben lackiert ist und unsere farbigen Türen eingesetzt sind.» Es ist das prägnante Differenzierungsmerkmal, mit dem sich die für Thurbo produzierten Fahrzeuge von den anderen abheben werden.
Nach der «Hochzeit» in Bussnang wurde der Flirt Evo nach Erlen überführt, wo das Inbetriebsetzungszentrum von Stadler steht. Dort erhielt der erste Zug den letzten Schliff in Form von finalen Montagen. In Erlen werden bei der ganzen Fahrzeugserie die Verkabelungen geprüft, Geräte unter Spannung gesetzt, die korrekte Software aufgespielt und Einstellungen vorgenommen. So lassen sich die einzelnen Systeme und Funktionen des Fahrzeuges austesten. Überzeugt das fertiggestellte Produkt, folgen die Probe- und Abnahmefahrten.

Ein Ausblick
2024 werden mehrere Typentest-Fahrzeuge in einer Vor-serie produziert, auch für Thurbo. Über ein Jahr dauert die Typentestphase. Mit den Typentests wird nachgewiesen, dass das Fahrzeug die Anforderungen der Zulassungsstellen, der Infrastruktur und der Auftraggeber erfüllt. Da die Thurbo Fahrzeuge auch in grenznahen Gebieten unterwegs sind, braucht es eine Zulassung von den schweizerischen und europäischen Behörden. Grünes Licht gibt es, wenn alle Normen erfüllt sind, wie Funktionalität der Züge, Klimakomfort in den Wagen oder Sicherheit bei den Gleisen. Zudem werden im laufenden Jahr Ausbildungen und Schulungen durchgeführt.